Wenn die Wildenten oder die Wildgänse ihren saisonalen Flug antreten, steigt eine erstaunliche Flut in den Regionen auf, die sie überfliegen. Wie magnetisch angezogen durch den pfeilförmigen Formationsflug hüpfen die Hausenten einen halben Meter in die Luft und versuchen zu fliegen. Der Ruf der Wildnis hat sie mit der Macht einer geworfenen Harpune gepackt, und eine Spur von Verwegenheit und Wildnis schiesst ihnen durch´s Blut. Für einen Moment sind alle Enten auf dem Bauernhof wie verwandelt: sie wurden zu Zugvögeln. In den kleinen harten Köpfen, die bisher immer erfüllt waren von armseligen Visionen von Würmern und ihrem Bauernhof steigt etwas ganz Neues auf: die Vorstellung der Ausdehnung der Kontinente, der Geruch des Meeres und der salzige Geschmack des rauhen Seewindes. Die Ente torkelt von rechts nach links in ihrem Drahtkäfig, erfüllt von einer plötzlichen Leidenschaft, das Unmögliche zu wagen, und einer plötzlichen Liebe für etwas, was ihr eigentlich ein vollständiges Rätsel ist…
…Die Hausente hätte nie gedacht, dass ihr kleiner Kopf gross genug wäre, dass sogar Ozeane, Kontinente und der weite Himmel darin Platz finden. Und ganz ohne Vorwarnung schlägt sie wie wild mit den Flügeln, sieht die Maiskörner und die Würmer gar nicht mehr, weil sie nur um eines kämpft: eine Wildente zu werden…
…Und genauso geht es dem Menschen, wenn ihn eine geheimnisvolle Vorahnung der Wahrheit überfällt. Dann erkennt er die Eitelkeit seines Buchhalterdaseins und die Leere seiner häuslichen Glücks. Aber er schafft es nicht, dieser Wahrheit, die ihn packt, einen Namen zu geben. Man hat versucht, diese merkwürdigen Berufungen mit einem Hang zur Flucht oder der Verlockung der Gefahr hinwegzuerklären. Als ob wir wüssten, woher eigentlich der Hang zum Fliehen oder die Verlockung der Gefahr eigentlich herstammt…. Dieser Ruf verstört jedermann. Ob wir es Hingabe, Poesie oder Abenteuer nennen, es ist immer die gleiche Stimme, die uns ruft. Aber unsere häusliche Sicherheit hat es geschaffft, genau den Teil in uns zum Verstummen zu bringen, der auf diesen Ruf gern antworten möchte. Und so erzittern wir kaum, schlagen vielleicht ein oder zweimal mit unseren Flügeln, und fallen dann zurück – in unseren Bauernhof…
Antoine de Saint-Exupéry, Wind, Sand und Sterne