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Hoffnungslos attraktiv?
„Nur drei Gruppen hätten eine wirkliche Strategie, die Welt zu gewinnen“, schreibt der Missionswissenschaftler Bill Wagner, früher Wiesbaden, jetzt Prof am Golden Gate Theological Seminary in San Francisco in seinem neuesten Buch „How Islam plans to Change the World“. „Die Moslems, die Mormonen und die Homosexuellen.“ Nur diese drei Gruppen, so Wagner, hätten eine wirkliche Makro-Strategie, also einen umfassenden Rahmenplan, der alle Mini-Taktiken und Lokalevents übergreift und auf ein klar definiertes Endziel ausrichtet. Dazu gehört bei den Moslems nicht nur der Moscheenbau, sondern auch politische Arbeit, das Gewinnen der Massen-Medien, Schularbeit und Firmenübernahmen.

Die meisten Christen stehen diesem Geschehen völlig verständnislos gegenüber: apolitisch, unstrategisch, zerstritten und geradezu peinlich-berührungsängstlich sind sie ständig damit beschäftigt, was sie in ihrer Kirche verändern und wie sie die eigene Spiritualität vertiefen können – und welches Gesangbuch nun das richtige ist.

In einem ebenfalls kürzlich erschienenen Buch, das bereits beträchtliche Wellen schlägt („The Shaping of Things to Come“; Deutsch: “Die Zukunft Gestalten”), behaupten zwei junge christliche Missionare, der australische Jude Alan Hirsch und der irische Katholik Michael Frost steif und fest, dass nur durch einen grundsätzlichen und vollständigen Kurswechsel der tradierten Kirchlichkeit das Christentum auch nur annähernd in der Lage sein wird, die Zukunft der Gesellschaft mitzuprägen, geschweige denn, sie im Sinne einer apostolischen Makrostrategie gar zu gewinnen. Liturgische Kosmetik, Durchhalteparolen, Schönreden und Vogel-Strauss-Politik – nicht vergessen, die Autoren leben in Australien! – verlängern nur das Leiden. Die tradierte Kirche, so das Duo, sei vor allem an drei Punkten hoffnungslos erkrankt: sie sei attraktiv, dualistisch und hierarchisch – statt inkarnatorisch, messianisch und apostolisch:

Attraktiv,
weil die traditionelle Kirche um jeden Preis Leute anziehen will, Menschen in sakrale Räume einladen, in die Ungläubige hineintreten müssen, um dem Evangelium zu begegnen. Das unbiblische kommet-alle-her-zu-uns- ist aber das glatte Gegenteil des biblisch-inkarnatorischen, fleischwerdenden Prinzips, des dezentralen geht-hin-in-alle-Welt, das dorthin geht, wo die Menschen sind, und das die Menschen nicht in die Kirche bringt, sondern die Kirche zu den Menschen.

Dualistisch, weil die Kirche dem Doketismus der Griechen Plato und Aristoteles erlegen sind, der Zweiteilung zwischen der (schlechten) Materie und (dem guten) Geist, zwischen Heilig und Unheilig, Sonntag und Montag, zwischen wir-hier-drin und die-da-draussen. Dies ist das glatte Gegenteil der Art, wie der Messias und Gründer der Kirche sich der Kultur und dem Alltag stellte, und einer Kirche, die organisch inmitten der Gastkultur existiert, ausgestattet mit einer messinanischen Spiritualität, die das ganze Leben umfasst – nicht nur eine Stunde am Sonntagmorgen.

Hierarchisch, weil die traditionellen Kirchen, ob Orthodoxe oder Pfingstkirchen, Baptisten oder Reformierte, alle gemeinsam systematisch einem religiösen, verwaltungsorientierten, pyramidal von oben nach unten verlaufenden Leiterschaftsmodell aufgesessen sind und schon alleine deshalb die unselige Trennung zwischen Laien und Klerus nicht loswerden können. Im Unterschied dazu sind laut apostolisch-paulinischer Lehre die Gläubigen ihre eigenen Priester, weil alle einen unmittelbaren Zugang zur Gnade von Christus haben. Keiner kann als Priester angestellt werden, weil Christus ja längst die Priesterrolle ein für allemal übernommen hat. Was die Kirche entwickeln und fördern muss sind deshalb organische, flache Leitungsstrukturen, etwa die 5fältigen Dienste (Eph. 4,11) und eine apostolische, ausschliesslich vom missionarischen Ziel her definierte Form der Leiterschaft.

Das wird allerdings niemals „einfach so“ geschehen, sondern es erfordert einen bewussten Neustart, eine komplette Rekalibierung, ein Neuerfinden des Christentums. Das Potential dazu sehen die Autoren in zwei Dingen: der apostolischen Genesis, also dem Heranwachsen neuer, von einem apostolischen Virus unheilbar infizierten Leiter, und, wie sie es nennen, deren apostolischem Genie. Die Zukunft des Christentums, sagen sie, liegt in den Händen von heute möglicherweise noch völlig unbekannten und scheinbar unbedeutenden Nachwuchsleitern. Diese haben zwei Qualitäten: sie sind den fundamentalen Überzeugungen der Bibel rettungslos verpflichtet; und sie sind vom Stil her unerschrocken, subversiv, revolutionär. Ihre Mentalität, ihr genetischer Code ist inkarnatorisch, messianisch und apostolisch – und deswegen sind sie an Facelifting und Dauerwellen für die alte Dame nicht länger interessiert. Entweder es bleibt also alles beim Alten; dann überlassen wir die Welt tatsächlich den Moslems, Mormonen und Homosexuellen. Oder wir verabschieden uns intelligent von einer Ära tradierter Kirchlichkeit, und schliessen uns Hals über Kopf einem ehemaligen Schreiner aus Nazareth an, der zwar hoffnungslos unattraktiv war – aber das kann, wovon andere nur träumen: die Welt verändern.


 

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